Chinarindenbaum-Invasion auf den Galapagos-Inseln

von Fredi Büks

Neophyten, der Name stammt aus dem Griechischen und bedeutet Neu-Pflanze, sind in fremde Ökosysteme eingeschleppte Pflanzen. Oft stellen sie ein Problem dar, wenn sie Ressourcen schneller nutzen als einheimische Pflanzen oder Gifte produzieren und dadurch andere Vegetation zurückdrängen. Unter ihnen leiden auch die von Charles Darwin bereisten Galapagos-Inseln, auf denen sich der Chinarindenbaum scheinbar widerstandslos ausbreitet, da er in Symbiose mit Bodenpilzen lebt und dadurch mehr Nährstoffe sammeln kann.

Links im Bild: Die Galapagosinseln vor der Küste EcuadorsAuf seiner Weltreise von 1831 bis 1836 machte der abgebrochene Mediziner und studierte Theologe Charles Darwin einige Entdeckungen, die die Grundlage seines späteren Werkes über die Herkunft der Spezies, die Evolutionslehre, bildeten. Offenbar hatten sich auf den Galapagos-Inseln, die Fernab der südamerikanischen Küste im Pazifik auf dem Äquator liegen, zufällig verschlagene Tierarten wie Schildkröten oder Finken ganz eigenständig entwickelt. Isoliert von anderen Artgenossen nahm ihre Entwicklung einen eigenständigen Lauf, in dem sich auch die heute bekannten Galapagos-Finken-Arten mit ihren 20 verschiedenen Schnabelformen und die Galapagos-Schildkröten von riesigem Ausmaß entwickelten.

Allerdings schuf der Mensch Schiffe und erreichte die Insel bald in größerer Zahl. Mit ihm kamen Tiere wie Ratten, Schafe oder Kakerlaken, aber auch Pflanzen von anderen Kontinenten, die er in seiner Unwissenheit von den Vorgängen der Natur dort einführte. Erst Ernst Haeckel sollte Mitte des 19. Jahrhunderts die Ökologie ins Leben rufen, und erst in wissenschaftlichen Versuchen wurde nachgewiesen, dass die Verdrängung einer Art durch eine andere nicht zufällig ablief sondern eine in einem Ökotop anpassungsfähigere Art anderen Arten, die dieselbe Nische bewohnen, diese langsam streitig macht.

Die genauen Mechanismen aber, nach denen eine Verdrängung stattfindet, werden uns erst jetzt allmählich klar. Obgleich im Bereich der Ökologie viel geforscht wurde, sind wir noch immer weit von einem Weltverständnis entfernt, zumal erst jetzt Bodenkunde, Meteorologie, Wasserkunde, Biologie und andere Fachgebiete nicht mehr nur in Einzelfällen mit einander kooperieren sondern langsam einen ganzheitlichen Forschungsanspruch entwickeln.

Ein Beispiel für das Funktionieren einer feindlichen Übernahme gibt die Ausbreitung des Chinarindenbaumes Cinchona auf den vulkanisch entstandenen Galapagos-Inseln. Er, der auch das Chinin liefert, welches in Tonic Water eingesetzt wird, wehenfördernd ist und in größeren Mengen giftig wirkt, breitet sich schneller aus als ihn die wenigen im Wald zu seinem Einschlag eingesetzten Bewohner der Insel ausfindig machen und abholzen können.

Lange konnte man sich keinen Reim darauf machen, warum der Chinarindenbaum sich so gut auf dem Vulkangestein ausbreitete. Seine Wurzeln reichen nicht tiefer als die der anderen Pflanzen, die er verdrängt, und zu allem Überfluss konnte man in seinem Laub einen höheren Prozentsatz der aufgenommenen Nährstoffe nachweisen als bei den anderen Pflanzen – er verwertete also nicht einmal so effektiv wie seine Mitbewohner. Er zieht außerdem nicht die Nährstoffe aus seinen welkenden Blättern zurück, so wie seine Nachbarn es tun, also noch ein Nachteil. Und trotzdem breitete sich die Neophyte rasant zu Ungunsten der heimischen Vegetation aus.

Cinchone, der ChinarindenbaumBei vergleichenden Bodenuntersuchungen zwischen dem Boden unter den Chinarindenbäumen und einem ähnlichen Boden unter den anderen Pflanzen stellte man zu allem Überfluss dann auch noch fest, dass sich in ersterem mehr Nährstoffe, insbesondere Phosphat und Nitrat, befanden, als durch die verwelkten, herabgefallenen und vermoderten Blätter des Baumes in den Boden zurückgeleitet wurde, zuzüglich der Menge, die sich durchschnittlich im Boden hätte befinden müssen. Jetzt waren die ForscherInnen entgültig verwirrt. Der Baum warf einen größeren Teil seiner Nährstoffe achtlos weg als die einheimischen Pflanzen, und zog anscheinend auch weniger aus dem Boden als sie, da ja der Nährstoffgehalt im Boden der gleiche sein musste wie bei den anderen untersuchten Pflanzen. Kam der Chinarindenbaum etwa mit weniger Nährstoffen klar, und wenn ja, warum nahm er sie dann überhaupt erst auf, nur um sie über seine welken Blätter wieder zu verlieren?

Weit gefehlt, fand man heraus. Denn neben seinem ineffektiven Stoffhaushalt hat der Chinarinenbaum, wie jetzt klar ist, einen entscheidenden Vorteil. Wie viele andere Pflanzen kann er mit Pilzen in Symbiose leben. Das Mykhorriza, ein Geflecht von Pilzfäden, das sich durch den ganzen Boden rankt und mit den Wurzeln des Baumes verbindet, um von ihm verschiedenste Zucker und andere Nährstoffe zu bekommen, vergrößert seine Wurzelfläche, wodurch er mehr mineralische Nährstoffe, darunter eben Phosphat und Nitrat, aus dem Boden aufnehmen kann. Dabei ragen die Pilzhyphen, wie man die Körper der Pilze nennt, in die engen Poren des vulkanischen Untergrundgesteins und können die dortigen mineralischen Nährstoffe zum Baum schaffen. Die Wurzeln der einheimischen Pflanzen hingegen können nicht in den Vulkantuff eindringen. Auch fehlt ihnen die Fähigkeit zur Mykhorriza-Symbiose. So sind ihnen die Nährstoffe, ohne die sie seit ihrer Ankunft auf den Galapagos-Inseln ausgekommen sind, weiter unerreichbar, der verschwenderische Chinarindenbaum aber kann sie sehr gut nutzen und schafft es so, sich durchzusetzen.

Seit Jahrzehnten kämpft die Inselbevölkerung gegen den Chinarindenbaum. Das Vorgehen gegen zahllose Keimlinge ist viel schwieriger als gegen große Bäume selbst, weil man sie im Wald der Insel kaum findet. Derweil unterliegt die einheimische Vegetation dem Ausbreitungsdrang des Chinarindenbaumes.

Dieses ist nur eines von vielen Beispielen für Einschleppungen weltweit. Diese beschränken sich aber nicht nur auf sichtbare Tiere und Pflanzen, sondern auch Amöben, Moose und Viren werden eingeschleppt und führen ihren eigenen kleinen Kampf im Mikrokosmos, der ebenso wie der sichtbare ein Ökosystem wie das der Galapagos-Inseln ins Wanken bringen kann. Pflanzen sterben aus, und mit ihnen ihre Fressfeinde, und deren Fressfeinde. Die Dominanz einer neuen Art kann an vielen Stellen der Nahrungskette zugleich Verheerungen anrichten.

Der zunehmende Fernhandel und mangelnde Kontrollen des Frachtgutes, aber auch Tourismus, gezieltes Aussetzen von z.B. Fischen zu Produktionszwecken und die Verschiebung von Klimazonen aufgrund der Umweltverschmutzung und natürlicher Klimaveränderungen haben zum Einfall fremder Arten in andere Ökosysteme geführt. Wir müssen zumindest die Zahl der durch uns verursachten Invasionen reduzieren, wenn wir vermeiden wollen, dass durch eine Flut von Umsiedlungen ökosystemare Zusammenhänge schneller zerstören werden als sie sich wieder einpendeln können.

Wie alles zusammenhängt wird uns noch lange ein Rätsel bleiben, sodass wir nicht absehen können, welche Art wo welchen Schaden anrichtet und wo nicht. Deshalb bleibt uns nur die Vorsicht, und die sollte nicht erst verhindern, dass wir als Bauern europäische Früchte im Herzen des vietnamesischen Dschungels anbauen, sondern uns schon warnen, wenn es um die Aussetzung ortsfremder Pflanzen in unserem Garten geht, ganz gleich von wie weit weg sie kommen. Die Entfernung von Lebensräumen ist nämlich kein Maß für den Schaden, den eine invasive Art anrichten kann.

 

Fußnoten

Institut für Ökologie der TU Berlin, Fachgebiet Bodenkunde

de.wikipedia.org/wiki/Chinarinde

Darwins Alptraum (Film, 2004): de.wikipedia.org/wiki/Darwins_Alptraum