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Die zapatistische Bewegung in ChiapasDie Zapatistas revoltierten 1994 im verarmten mexikanischen Bundeststaat Chiapas gegen die Zentralgewalt des autoritären Staates und schufen eine autonome Region, in der sie versuchen Herrschaftsstrukturen zugunsten von Selbstorganisation abzubauen. Dieser Artikel ist eine kurze Einführung in die Geschichte und Gegenwart der zapatistischen Bewegung und der EZLN.
Chiapas scheint als Ort prädestiniert für eine politische Bewegung dieser Art und Größe. Der Bundesstaat ist einer der ärmsten Regionen in Mexiko. Ein Viertel der Bevölkerung sind Indigene, die rassistischer Diskriminierung ausgesetzt sind. Die meisten von ihnen sind LandarbeiterInnen ohne Land, da dieses in der Hand von GroßgrundbesitzerInnen liegt, die zu katastrophalen Bedingungen unter Lohnsklaverei arbeiten lassen. Von den natürlichen Ressourcen profitieren fast ausschließlich RegierungsfunktionärInnen, die LandeignerInnen und transnationale Konzerne. So ergibt es sich auch, dass eine Gesundheitsversorgung faktisch nicht vorhanden ist und Menschen an heilbaren Krankheiten sterben müssen. Von 1929 bis 2000 herrschte uneingeschränkt die PRI (Partido Revolucionario Institucional, Partei der Institutionellen Revolution). Sie ging mit dem Versprechen eines sozialistischen Staates in die Regierung, errichtete jedoch ein autoritäres Regime, das 1968 das Massaker von Tlatelolco auf friedliche Demonstranten verübte und dabei mehr als 300 Menschen erschoss, und begann in den 80ern das Land umfassend zu neoliberalisieren. So willigte die herrschende Klasse aus Wirtschaft und Politik auch in das NAFTA-Abkommen ein, welches ein „Freihandelsabkommen“ zwischen den USA, Kanada und Mexiko darstellt, das insbesondere die Abschaffung der Zölle vorsieht und damit der Wegbereiter zum Ruin mexikanischer Kleinbauern und Kleinbäuerinnen durch das Einbrechen hochsubventionierter Agrarprodukte aus dem Norden auf den mexikanischen Markt war und zugleich die Ausrichtung der mexikanischen Produktion auf den Weltmarkt und eine damit einhergehende massive Ausbeutung mexikanischer lohnabhängiger ArbeiterInnen in den Maquiladoras (Fabriken in Sonderwirtschaftszonen an der US-mexikanischen Grenze) einleitete.
„Der Aufstand der Würde“ Den 1. Januar 1994, als dieses Abkommen in Kraft trat, nutzten auch die ZapatistInnen für ihren „Aufstand der Würde“. Sie besetzten durch die EZLN 7 Städte in Chiapas, was in einen 12-tägigen Krieg mit der mexikanischen Armee und über 400 Toten mündete. Nachdem die Zivilbevölkerung die Beendigung des Krieges forderte, weil sie einen Jahrzehnte andauernden Guerillakrieg befürchtete, stellten beide Seiten ihre Kampfhandlungen ein. Seither gab es keine militärischen Offensiven der EZLN mehr. Die ZapatistInnen nutzen nunmehr zivile Mittel für den Aufbau und Erhalt ihrer autonomen Strukturen, die sie durch die Besetzung von über 100.000 Hektar Land verwirklichen konnten. Die mexikanische Regierung hat hingegen rund ein Viertel ihres Heeres in Chiapas stationiert und terrorisiert zapatistische Dörfer auch mithilfe von engagierten Paramilitärs, die „Aufgaben“ übernehmen, wie Mord, Vergewaltigung und andere Arten von Folter, die die Regierung vor der Weltgemeinschaft nicht verantworten will.
Auf Bildaufnahmen zeigen sich ZapatistInnen nur mit Skimasken oder vor das Gesicht gebundenen Tüchern. Der Eindruck, sie führten etwas böses im Schilde, täuscht jedoch. Die Regierungsarmee und Paramilitärs töteten, wie bereits angedeutet, in der Vergangenheit ZapatistInnen zur Abschreckung und Erhaltung der Macht. So wurde bspw. 1997 fast ein komplettes Dorf hingerichtet (Massaker von Acteal). Die Maskierung dient also dem Zweck, in der Öffentlichkeit nicht als ZapatistIn wiedererkannt zu werden und damit zum Selbstschutz. Auch heutzutage verschwinden regelmäßig ZapatistInnen spurlos. Des weiteren ist die Maske ein Zeichen der Zusammengehörigkeit und als Symbol für alle, die Unterdrückung erfahren. Einige sprechen auch davon, dass die ZapatistInnen erst seitdem sie ihre Masken tragen öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. Zwischenzeitlich wurden auch Verhandlungen geführt, die durch Vermittlung des Bischofs Samuel Ruiz García und der eigens eingerichteten COCOPA (Kommission für Versöhnung und Frieden) stattfinden konnten. Aus ihnen entstand 1996 das Abkommen von San Andrés, welches mehr Autonomie, soziale Reformen und die Anerkennung der Rechte und Kultur der Indigenen garantieren sollte. Es wurde jedoch durch das Veto des damaligen Präsidenten Zedillo gekippt. Als 2000 der neue Präsident Mexikos, Vicente Fox von der rechten PAN (Partido Acción Nacional, Partei der Nationalen Aktion) neue Gespräche anbot, veranstalteten die ZapatistInnen einen Marsch auf Mexiko-Stadt, um vor dem Abgeordnetenhaus zu sprechen und auf ihre Situation öffentlich hinzuweisen. Daraufhin wurde ein Gesetz verabschiedet, welches von der EZLN als „verfassungsrechtliche Anerkennung der Rechte und Kultur von Großgrundbesitzern und Rassisten“ bezeichnet wurde, und so wurden weitere Verhandlungen mit der Regierung bis heute ruhen gelassen. Seit 2003 wenden die ZapatistInnen das Abkommen von San Andrés einseitig an, und die EZLN hat die Selbstverwaltung an zivile Strukturen abgegeben.
Organisation und Anarchie
So kann unabhängig vom mexikanischen Staat gehandelt werden, der jedoch immer wieder versucht Gemeinden durch Schenkungen auf seine Seite zu ziehen. Daher der Umstand, dass zapatistische neben regierungstreuen neben gespaltenen Gemeinden liegen. Grundsatz der ZapatistInnen ist jedoch keinerlei Hilfen von der Regierung anzunehmen, um sich unabhängig entwickeln zu können. Hilfe von Organisationen wird auch selten in Anspruch genommen, eine der wenigen Ausnahmen bietet hier Ärzte ohne Grenzen. Öffentliche Arbeiten werden gemeinschaftlich und andere Arbeiten zum großen Teil in Kooperativen erledigt, die beispielsweise Landwirtschaft, Läden, Restaurants, Schuhfabriken und Kunsthandwerk betreiben. So versorgen sich die Gemeinden selbst und bekommen Geld durch solidarischen Handel, der z.B. auch nach Deutschland über die „Café Libertad Kollektiv eG“ (http://www.cafe-libertad.de) betrieben wird.
Was wurde erreicht? Die zapatistischen Gemeinden konnten durch ihre gemeinschaftliche Arbeit bereits vieles erreichen. Die schlechte medizinische Versorgung war ein wesentlicher Grund für den zapatistischen Aufstand. Jährlich starben circa 15.000 Menschen an heilbaren Krankheiten. Ärztliche Versorgung war entweder nicht vorhanden oder nicht bezahlbar. Es hat sich ein eigenes zapatistisches Gesundheitssystem herausgebildet, in dem GesundheitspromotorInnen ihr Wissen in Schulungen weitergeben. Behandelt wird mit herkömmlichen Medikamenten, aber auch mit Heilpflanzen. Die medizinische Versorgung ist für Mitglieder von zapatistischen Gemeinden kostenlos, Menschen aus regierungsnahen Gemeinden werden gegen ein geringes Entgelt behandelt, welches jedoch weit unter dem Preis für herkömmliche Praxen liegt. Viele Menschen hatten vor dem zapatistischen Aufstand keine Möglichkeit eine Schule zu besuchen. Nun gibt es in fast allen zapatistischen Gemeinden Schulen, in denen PromotorInnen, ähnlich wie im Gesundheitsbereich, unterrichten. Da die Bevölkerung der jeweiligen Gemeinden über Lehrplan und Lehrmaterialien entscheidet, sind die Unterrichtsmethoden unterschiedlich. Unterrichtet wird Lesen, Schreiben, Mathematik, politische Bildung, Gesundheit, Geographie, Sport, Geschichte, Natur und Kultur. Frauen sind in Chiapas zum großen Teil machistischer Diskriminierung durch die Familien und Arbeitgeber ausgesetzt. Während Männer zumindest Sonntags frei haben, arbeiten Frauen in einer 7-tage Woche und die Entscheidung ob oder wen sie heiraten liegt oftmals nicht in ihrer Hand. Des weiteren müssen Frauen, wenn sie es in ein Regierungshospital geschafft haben, mit Zwangssterilisation rechnen. 1993 kurz vor dem Aufstand konnten Frauen in der EZLN die Revolutionären Frauengesetze durchsetzen, die ihnen grundlegende Rechte zusichern. Sie haben nun die gleichen Rechte wie die Männer und können selbst über die Familienplanung entscheiden. In den erweiterten revolutionären Frauengesetzen von 1996 konnten die Frauen durchsetzen, das jeglicher Drogenanbau, -verkauf und -konsum verboten ist, weil, wie es darin heißt, „wir diejenigen sind, die am meisten unter den Konsequenzen dieser Laster leiden“. Der Alltag ist jedoch noch von der konsequenten Einhaltung der Frauengesetze entfernt. Die Fortschritte sind im Gegensatz zu nichtzapatistischen Gemeinden aber bedeutend.
Neoliberal und autoritär? - Nein Danke!
La Lucha Sigue! Ursachen und Entwicklungen des zapatistischen Aufstands, Luz Kerkeling, UNRAST-Verlag 2006, 2. Auflage Der Aufstand der Würde – Die zapatistische Bewegung in Chiapas/Mexiko (Film), Zwischenzeit e.V. – Initiative für soziale, interkulturelle und ökologische Forschung, Analyse und Bildung, 2007 www.buko.info/carea – Werde MenschenrechtsbeobachterIn in Chiapas! www.cafe-libertad.de – Solidarischer Handel mit ZapatistInnen www.chiapas98.de/links.php – Rundumschlaglinkliste zum Thema www.chiapas.ch/links.php – Weitere super Linkliste zum Thema |
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