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Gemeinsam mit Gott in Abrahams ZeltDas syrische Deir Mar Musa ist eine ökumenische Begegnungsstätte, an der nicht nur Christen und Muslime miteinander in Dialog treten, sondern ebenso Gläubige und Atheisten. Alex Kalbarczyk hat hier einige Zeit verbracht.Zum Sonnenuntergang füllt sich die kleine Gebetsstätte mit zahlreichen Gläubigen, die man - ohne pathetisch zu werden - getrost als inbrünstig bezeichnen könnte; und wer als einer der Letzten zum Abendgebet dazustößt, muss sich seinen Weg durch einen Berg von Schuhen bahnen, der die gesamte Fläche des kleinen Vorhofes einnimmt, denn die Gläubigen betreten die geheiligte Stätte selbstverständlich barfuß. Ebenso selbstverständlich halten die betenden Frauen ihr Haar mit einem Schleier bedeckt, während die Männer eine schlichte Djalabiya tragen. Hauptbestandteil des Gebets ist die Rezitation aus dem Heiligen Buch: Ein mystischer Singsang in reinstem Hocharabisch schwebt durch den Raum und beeindruckt die Gläubigen psychisch wie physisch; sie knien ehrfürchtig murmelnd auf dem prächtigen Teppich und werfen sich von Zeit zu Zeit nieder - vor Allah, dem Barmherzigen. Versammelte sich diese Gemeinde nicht unter dem Zeichen des Kreuzes und verteilte der Priester gegen Ende der Liturgie nicht Brot und Wein, könnte man den Eindruck bekommen, aus Versehen eine muslimische Moschee - und nicht eine christliche Kirche - betreten zu haben. Doch wer sich an diesem besonderen Ort, dem Kloster des heiligen Mose aus Abessinien (arab. Deir Mar Musa al-Habashi), befindet, den hat es dorthin nicht zufällig verschlagen, der ist bewusst gekommen, da er sich auf der Suche befindet: Nach Ruhe und Bescheidenheit; dem verlorenen Ich, dem verlorenen Christentum, dem verlorenen Gott. Vor etwa 1500 Jahren zog sich an dieser Stelle, etwa 80 km nördlich der heiligen Stadt Damaskus am Eingang einer beeindruckenden Felsenschlucht mit weitem Ausblick über die syrische Wüstensteppe, ein abessinischer Fürst namens Moses in eine der zahlreichen kleinen Höhlen zurück, um ein frommes Leben in Askese zu führen. Das kurz nach seinem Tod gegründete Kloster machte es sich zur Aufgabe, den Pilgern auf ihrem Weg ins Heilige Land Unterkunft und Verpflegung zu bieten - und bis heute werden in Deir Mar Musa Gäste großzügig aufgenommen; ein jeder erhält kostenlos ein kleines Zimmer und einfache Mahlzeiten, wobei es die Klostergemeinschaft sehr gerne sieht, wenn man sich im Gegenzug bei den täglichen Haushaltsarbeiten als hilfsbereit erweist. Ursprünglich bestand das Kloster nur aus einem einzigen Gebäude, der kleinen Kirche, denn die Mönche bewohnten die Höhlen. Noch heute kann man sich sehr gut vorstellen, welch ein erhabenes Gefühl die Einsiedler überkommen haben muss, wenn sie - aus der absoluten Kargheit ihrer dunklen Felshöhle kommend, in der sie fernab jeglicher Sinneseindrücke hausten - den wunderschönen Gebetsraum betraten, dessen Wände von oben bis unten mit farbenfrohen Fresken geschmückt sind, in dem zahllose Kerzen sowohl Wärme als auch Helligkeit verbreiten, allerlei Düfte aus kleinen silbernen Schalen dampfen - und schließlich die im Gesang betende Gemeinschaft einen kunstvollen orientalischen Klangteppich aus feinsten Vierteltonschritten webt: Es wirkt wie ein Vorgriff auf das Himmelreich. So gibt es auch Muslime, die von sich sagen, sie kommen gerne nach Mar Musa, um sich an der Heiligkeit des Ortes und des Gebetes zu erfreuen. Besonders schätzen sie den Abt des Klosters, den italienischen Jesuiten Paolo dall'Oglio, der sich unermüdlich für den christlich-muslimischen Dialog einsetzt - und der in demütig-mönchischer Haltung den Islam eben deshalb so schätzt, da er die Aufgabe erfülle, "sich gegen die nach Vormacht strebenden 'christlichen' Ansprüche in ihren verschiedenen Formen zu erheben, eingeschlossen jene laikalen Ansprüche der modernen säkularisierten und globalisierten Modernität". Nicht nur aus diesen Worten, sondern insbesondere aus seiner Biographie, lässt sich Pater Paolos radikale Kritik an den degenerierten Elementen der westlichen Zivilisation sowie dem westlichen Christentum ablesen; er selbst verließ Anfang der 80er-Jahre Italien, das Land katholischer Macht- und Prachtentfaltung, um in Syrien, dem Land der christlichen Askese, seine Berufung zu finden: Den Aufbau des vollkommen verfallenen Klosters Mar Musa, das von jeder Menschenseele verlassen vor sich hindämmerte, seit es die Mönche im 17. Jahrhundert aufgegeben hatten. Die Wiederbelebung der Einsiedelei wurde zu seinem Lebenswerk - und die klassischen Mönchsprinzipien von Gebet (Salat) und Arbeit ('Amal) erweiterte er um die zutiefst arabischen Elemente der Gastfreundschaft (Dayafa) und des Dialogs (Hiwar), so dass nicht nur ein Gottesdienst der Worte und Taten zelebriert wird, sondern vielmehr ein Menschendienst der Nächstenliebe und Toleranz. Deir Mar Musa dürfte wohl weltweit das einzige katholische Kloster sein, in dem Männer und Frauen, katholische und orthodoxe Christen zugleich koinobitisch (gemeinschaftlich) und anachoretisch (einsiedlerisch) dieselbe heilige Stelle bewohnen - und dazu noch zahlreiche nichtchristliche Gäste in das Gemeinschaftsleben integrieren, von denen manche weit länger als zwölf Monate bleiben. Nach einiger Zeit in Mar Musa wundert man sich gar nicht mehr, wenn sich ein junger bärtiger Mann, den man mit seinem stillen, zuversichtlichen Ernst getrost für einen Klosternovizen halten könnte, nach längerem Gespräch, das kniend vor dem Hauptaltar der Kirche stattfindet, als radikaler Atheist entpuppt, der nach seinem Agrarstudium sein Heimatland Frankreich verließ, um Gott zu suchen oder vor Gott zu fliehen, so genau könne man das nicht sagen. Ob er ihn nach einem halben Jahr in der Einsiedlerhöhle denn gefunden habe? Nein, auf gar keinen Fall. Aber wenigstens habe er sich selbst gefunden - und sollte ihm Gott irgendwann einmal doch noch begegnen, könne er wenigstens selbstbewusst vor ihn treten. Bald werde er weiterziehen, wenn nötig bis nach Indien; egal ob und wie und wann ihm Gott begegne, er werde mit Sicherheit aus der großen Welt in seine kleine Höhle zurückkehren. Nicht nur dieser französische Atheist, sondern sämtliche Bewohner von Mar Musa, allen voran Pater Paolo, folgen dem beduinischen Ideal des Stammvaters Abraham, der dem Klosterabt aus zweierlei Gründen als besonderes Vorbild gilt: Zum einen sei er auf seiner weiten Wanderschaft stets dem Ruf Gottes gefolgt; zum anderen habe er jedem Fremden in seinem Zelt das Gastrecht gewährt. Pater Paolo, der mittlerweile besser Arabisch spricht als die meisten Araber (und den syrischen Bibelrezitator beim kleinsten sprachlichen Lapsus unterbricht, damit kein Iota an der Heiligen Schrift verändert werde!), hat nicht nur die Sprache, sondern insbesondere das Brauchtum seiner Umgebung, die er als "Welt des biblisch-semitischen kulturellen Mutterbodens" bezeichnet, voll und ganz verinnerlicht; der Errichtung eines wuchtigen Speisesaals (wie in europäischen Klöstern üblich) zog er den Aufbau eines großen alten Beduinenzelts vor, in dem die Klostergemeinschaft allabendlich nach dem Gebet ihre Gäste bewirtet - und jene menschlich-fundamentalste Handlungsform zelebriert, die im Christentum den Urgrund jeglicher Spiritualität darstellt: Das gemeinsame Essen und Trinken. Ein anderer junger Bärtiger sitzt vergnügt neben Pater Paolo, taucht sein Brot tief ins Hummus-Schälchen und beginnt zu sinnieren: Wie schön es sei, neben einem solch guten Freund im beyt Ibrahim zu sitzen, im Haus des Vaters von Juden, Christen und Muslimen; wie seltsam, dass es Leute gäbe, die einen Unterschied machten zwischen muslimischer und christlicher Heiligkeit - er jedenfalls kenne nichts als die göttliche Heiligkeit. Und wie jeder gute Muslim, der zeigen will, wie ernst ihm seine Worte sind, weiß er sogleich den passenden Koranvers zu zitieren, den Pater Paolo selbstverständlich auswendig mitmurmeln kann: "Und du wirst sicher finden, dass diejenigen, die den Gläubigen in Liebe am nächsten stehen, die sind, welche sagen: 'Wir sind Christen'. Dies deshalb, weil es unter ihnen Priester und Mönche gibt, und weil sie nicht hochmütig sind." (Koran, Sure 5, Vers 82)
Anreise: Das Kloster Mar Musa liegt nahe der Kleinstadt an-Nebek, in die regelmäßige Sammel taxen von Damaskus fahren; von an-Nebek gibt es Taxis zum Fuße des Bergrückens, auf dem das Kloster liegt; aufsteigen muss man selbst. eMail: deirmarmusa@mail.sy Weitere Infos: www.deirmarmusa.org |
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