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Quantentheorie und GottesbeweisDie Existenz eines Wesens, das wir Gott nennen und dessen Eigenschaften wir nicht kennen, ist nicht nachweisbar. Nehmen wir allerdings ein Wesen Gott an, das allmächtig sein soll, so können wir seine Existenz mithilfe der Heisenberg'schen Unschärferelation, der Realitivitätstheorie und der Idee vom Laplace'schen Dämon widerlegen.Stellen wir uns ein bewegtes Objekt vor und machen es der Einfachheit halber extrem klein. Dieses Objekt hat einen bestimmten Impuls, denn es bewegt sich in eine Richtung, und es hat zu jedem Zeitpunkt einen bestimmten Ort, der sich aber verändert, immerhin bewegt es sich ja. Dieses Objekt wollen wir messen, und zwar interessieren wir uns dabei sowohl für die Richtung seines Impulses als auch für seinen Aufenthaltsort zu einem bestimmten Zeitpunkt. Als Messinstrument wählen wir einen Laser, d.h. eine Lampe mit parallel ausgerichteten, kohärenten Lichtstrahlen der gleichen Wellenlänge. Wir könnten aber auch jedes andere aktive Messinstrument nehmen, denn das Phänomen, das wir gleich beobachten werden, taucht bei allen aktiven Messungen auf. Wir wählen für unseren Laserstrahl eine bestimmte Wellenlänge. Ist diese Wellenlänge groß, so kann man sich vorstellen, dass das kleine Objekt, das wir beobachten wollen, in einer Bucht der Welle landet anstatt von der Wellenlinie getroffen zu werden, sodass wir es nicht sehen. Auch wenn diese Vorstellung nur modellhaft ist und nicht der Wirklichkeit entspricht, können wir uns dadurch vorstellen, dass wir das Teilchen genauer wahrnehmen könnten, wenn wir die Wellenlänge des Lasers verkürzen, und dass wir das Teilchen auf jeden Fall treffen, sobald die Wellenlänge kleiner als der Durchmesser des Teilchens wird. Bei sehr sehr kleinen Teilchen muss also die Wellenlänge sehr kurz sein, damit wir sicher seine Position bestimmen können (ansonsten könnten wir nur sagen, dass es irgendwo zwischen zwei Wellenkämmen liegt). Je kleiner aber die Wellenlänge ist, desto mehr Energie führt der Laserstrahl mit sich, und diese Energie regt das Teilchen an und verändert seinen Impuls. Dieses Phänomen nennt man die Heisenberg'sche Unschärferelation (Werner Heisenberg, 1927): Ort und Impuls eines Teilchens können in den winzigen Dimensionen, mit denen die Quantenphysik arbeitet, nicht beide gleichzeitig eindeutig bestimmt werden. Diese Kenntnisse ergeben ein interessantes Ergebnis in Kombination mit einer philosophischen Beweisführung des französischen Mathematikers Pierre-Simon Laplace, der 1814 schrieb: „Wir müssen also den gegenwärtigen Zustand des Universums als Folge eines früheren Zustandes ansehen und als Ursache des Zustandes, der danach kommt. Eine Intelligenz, die in einem gegebenen Augenblick alle Kräfte kennte, mit denen die Welt begabt ist, und die gegenwärtige Lage der Gebilde, die sie zusammensetzen, und die überdies umfassend genug wäre, diese Kenntnisse der Analyse zu unterwerfen, würde in der gleichen Formel die Bewegungen der größten Himmelskörper und die des leichtesten Atoms einbegreifen. Nichts wäre für sie ungewiss, Zukunft und Vergangenheit lägen klar vor ihren Augen.“ Dieser Laplace'sche Dämon ist ein Wesen, das jeden Zustand im Universum zu einem bestimmten Zeitpunkt bestimmen und aufgrund des Prinzips von Ursache und Wirkung zukünftige und vergangene Zustände des Universums vollständig berechnen kann – eine Voraussetzung dafür, allmächtig schöpferisch tätig zu werden. Stellen wir uns eineN FußballspielerIn beim Torschuss vor. Um die Konsequenz „Tor“ zu erreichen, müssen die Position des Balls, die Trittgeschwindigkeit, der Winkel, in dem der Fuß den Ball trifft und weitere Infos bekannt sein. Ein einfaches Beispiel, das bezogen auf das ganze Universum verständlicherweise sehr viel komplexer wird. Denn hier muss für die gezielte Veränderung des ganzen Universums der Zustand des gesamten Universums bekannt sein, da unbekannte oder unbeachtete Abläufe das Resultat des Eingriffes abwandeln können, so als wüsste ich beim Torschuss nicht, dass das Tor sich nach dem Tritt automatisch zehn Meter nach links bewegt. Leider oder zum Glück kann ein Laplace'scher Dämon nicht existieren, da er um den gesamten Zustand des Universums zu verändern seinen Zustand zu einem bestimmten Zeitpunkt komplett kennen müsste, also auch alle Impulse und alle Positionen aller Teilchen. Damit verstößt dieses allmächtige Wesen aber gegen die Heisenberg'sche Unschärferelation, denn selbst wenn es alles beobachten könnte (was es weder passiv noch aktiv kann, da die Relativitätstheorie die Lichtgeschwindigkeit als höchstmögliche Geschwindigkeit für die Übertragung jeglicher Informationen festsetzt), würde es durch seine Beobachtung alles Beobachtete unkontrolliert verändern. Außerdem müsste es sich selbst mit beobachten, was es selbst und damit die Art seiner Beobachtung gleich mit verändern würde – vorausgesetzt, es steht mit dem Universum in Wechselwirkung, ist also Teil von ihm. Ist es es nicht, kann es es überhaupt nicht beeinflussen. Ein Argument wird nun sein, was denn wäre, wenn zur Allmächtigkeit dieses Wesens zähle, dass es sich über die Naturgesetze hinwegsetzen könne. Ich kann quasi alles postulieren, wenn das Postulat die Nichtnachweisbarkeit des postulierten Objekts enthält. Aber Vorsicht: Nicht-Nachweisbarkeit bedeutet, dass das Resultat eines Eingriffs in unser Universum – das ja selbst den Naturgesetzen unterliegt – nicht nachweisbar ist, und das wiederum bedeutet aufgrund des Gesetzes von Ursache und Wirkung, dass kein Eingriff stattfindet. Folglich verfügt das allmächtige Wesen nicht über Allmacht, ist daher nur ein Wesen, und dass es Wesen im Universum gibt, wissen wir. Die Konsequenzen daraus sind aufklärerisch: Wir sind nicht abhängig von einem allmächtigen Wesen, sondern wir selbst, das politisch-ökonomische System, in dem wir leben und der Zustand der Umwelt um uns herum sind für unser Schicksal verantwortlich. Religionsunterricht können wir uns sparen, die Heilslehren sämtlicher Kirchen gehören in den Geschichtsunterricht und – was gut und was schlecht ist entscheiden wir selbst.
Stephen Hawking: Eine kurze Geschichte der Zeit de.wikipedia.org/wiki/Heisenbergsche_Unschärferelation de.wikipedia.org/wiki/Laplacescher_Dämon |
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