Ghanaischer Rundbrief 4 – Ein Blick in die Gesellschaft Ghanas

von Etienne Schneider

Etienne machte sein Freiwilliges Soziales Jahr in Ghana. Dort erlebte er Ende 2008 neben vielen anderen Dingen auch den Parlamentswahlkampf. Er berichtet von den Lebensbedingungen in Ghana, der Schere zwischen Arm und Reich, auch der ideologischen zwischen den Generationen, den gesellschaftlichen Hierarchien, den schönen Erfahrungen, die er mit den Menschen aus Ghana machte und von ihrem für unser Verständnis eigenartigen Konsumverhalten.

Profilkarte von Ghana und Umgebung Abgeschnitten von der Außenwelt und ohne funktionierenden Internetzugang geht der 7. Dezember 2008 seinem Ende zu. Im Innenhof meiner Gastfamilie diskutieren eifrig und hitzig müde Stimmen, es riecht nach gebratenen Zwiebeln, das Radio läuft wie immer ohne Unterlass und Erbarmen, aber etwas weniger aufgeregt als normal, und die Sonne legt ihre letzten warmen Strahlen über Kissi und die umliegenden Hügel. Abgesehen von einigen Nuancen und Abstufungen scheint es ein Tag wie jeder andere zu sein und seine Besonderheit für Ghana wird die westliche Welt wohl nur in Form von kleinen Randartikeln und Kurzbeiträgen erreichen. Aber heute hat der kleine, unsicher aufstrebende ghanaische Staat, zerrieben und beengt durch zwei mächtige Parteiapparate, wenn auch kein Wunder so doch für afrikanische Verhältnisse eine kleines Kunststück vollbracht – freie, geheime und gleiche Wahlen, aus denen die neue Regierung und Parlamentsbesetzung des Landes hervorgehen wird.

Schon seit meiner Ankunft zierte und verschandelte Wahlwerbung an allen Ecken und Kreuzungen die ghanaische Straßenlandschaft – teils in Form großer Werbetafeln oder zerfetzter Plakate, teils in Form von bunten Parteifahrzeugen mit ohrenbetäubender Musik und lautstark- marktschreierischem Redegebrüll – und innerhalb weniger Monate entfachte ein Wahlenthusiasmus (nicht unbedingt als Gegenteil von Politikverdrossenheit zu verstehen), auf den einige europäische Staaten neidisch zu schielen hätten, würde er sich nicht ihrer Interessensphäre entziehen. Meine Arbeit im Baobab Shop wurde in den letzten Wochen vor der Wahl wieder und wieder durch Ralleys unterbrochen – laute, stimmungsgeladene Tanzumzüge in den Farben einer der beiden gigantischen, um die Macht im ghanaischen Staate konkurrierende Parteien.

Dass ein derartiger Umzug mit Volksfestcharakter die typische ghanaische Wahlveranstaltung ist, machte erstmal stutzig. Was ins Auge fiel, war der emotionale Charakter der Wahlwerbung. Politische Kernfragen und –probleme wurden kaum thematisiert. Im Vordergrund stand das Feiern und Tanzen, hin oder her welche der beiden Parteien gerade vor Ort Fähnchen und Tücher verteilte und um Stimmen warb.

Was in der westlichen Welt als afrikanische Vorzeigedemokratie mit enormem Entwicklungspotential gilt, verlor im Licht der ghanaischen Realitäten an Glanz. Auch wenn in neuerer Zeit selbst in den entlegenen Regionen Ghanas mit Fördermitteln Schulen gebaut werden, erreichen dort wohl nur wenige das Bildungsniveau, um politische Zusammenhänge im hunderte von Kilometern weit entfernten Accra vollständig erfassen und am Wahltag eine rational begründete Entscheidung für einen Parteistandpunkt treffen zu können. Von diesem Idealzustand ist sicher auch Deutschland und jede andere wie auch immer geartete Demokratie noch weit entfernt. Aber für Ghana liegt dieser Zustand in der gegenwärtigen Situation außerhalb jeder Reichweite, zumal viele ärmliche Landstriche weder Strom noch Tageszeitungen kennen. Die mediale Vernetzung ist lückenhaft, politische Inhalte erreichen nur einen kleinen Kreis der Bevölkerung. Folglich operieren die Parteien weniger mit konkreten Inhalten, sondern überwiegend mit emotionaler Wahlwerbung: Tanzveranstaltung; Werbespots, die an ein Musikvideo einer Boygroup erinnern; moderne Parteifahrzeuge, die Wohlstand und Erfolg ausstrahlen und auch in die Regionen ohne mediale Anbindung fahren. Und sie operieren mit finanziellen Anreizen. Denn auch wenn Ghana zu den aufstrebenden afrikanischen Ländern gehört – Armut und Mangel ist allgegenwärtig und sie öffnen Bestechung und Wähler/innenkauf mit schon kleinen Summen, die den wohlhabenden Parteien nicht das Genick zu brechen drohen, Tür und Tor. Gebildete Ghanaer/innen reden darüber mit Bekümmerung, aber ohne Bestürzung. Es ist Normalität, jedem bewusst und kaum der Rede wert. Und neben dem Mangel an Bildung und medialer Informationskultur sowie Bestechlichkeit und Wähler/innenkauf ist ein labiles demokratisches Konstrukt in einem Entwicklungsland mit noch einem weiteren Erschwernis konfrontiert: Der Registrierung der Wähler/innen innerhalb einer demographisch kaum erfassten Bevölkerung. Bereits im Vorfeld der Wahlen soll es angesichts der explodierenden Wähler/innenzahl zum Fehlen von Registrierungsbögen gekommen sein. Andernorts sollen Doppelregistrierungen stattgefunden haben, die erst in mühsamem Datenvergleich und sicherlich auch nicht vollständig aufgedeckt werden konnten.

Und dennoch verlief der 7. Dezember in einer Professionalität und Reibungslosigkeit, die angesichts dieser widrigen Umstände im Vorfeld der Wahlen nur verblüffen können. Selbst die kleinsten Dörfer im Hinterland erreichten Wahlurnen und dazugehörige, illustrierte Plakate, die den Wahlgang auch für Analphabeten verständlich machten. Im friedlichen Kissi blieben die Wahlbeauftragten problemlos Herr der Lage, obwohl sich am Vormittag eine 30 Meter lange Schlange bildete. Doch alle folgten ruhig und geduldig dem exakt vorgeschriebenen Gang zur Urne. Überall waren Schilder und Aufkleber zu sehen, die vor allem Frauen zum Wählen animieren sollten (und tatsächlich lag die Wahlbeteiligung von Frauen mancherorts weit über dem Durchschnitt). Und selbst in die Orte hinter Kissi, noch weiter ins immer ärmlichere, entlegene Landesinnere hinein verirrten sich die Jeeps von Wahlbeobachtern der afrikanischen und der europäischen Union, aus Nordamerika und Asien, die neben den von den Parteien entsandten Mitgliedern ein prüfendes Auge auf den Wahlprozess warfen.

Kwame Nkrumah

Im ersten Wahlgang konnte sich keine der beiden großen Parteien, die konservativ-wirtschaftsliberale NPP (National Patriotic Party) und die sozialdemokratisch angehauchte NDC (National Democratic Kongress), mit absoluter Mehrheit durchsetzen. Noch behauptete sich die CPP (Conventions People Party), eine panafrikanisch-sozialistische Partei, gegründet vom ghanaischen Idol der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegung Kwame Nkrumah, gegenüber ihren übermächtigen Konkurrenten und raubte ihnen wichtige Prozente. Im darauf folgenden Stichwahlgang konnte sich die NDC mit 50,13% der Stimmen gegenüber der Regierungspartei NPP (49,87%) haarscharf durchsetzen, nachdem in wenigen ländlichen Teilen im Westen Ghanas sogar ein dritter Wahlgang wegen Unregelmäßigkeiten durchgeführt werden musste. Nach acht Jahren unter der Regierung von NPP kam es im Januar 2009 zum zweiten geladenen aber doch überwiegend friedlichen Machttransfer in Ghana seit Errichtung der Präsidialdemokratie nach westlichem Vorbild im Jahre 1994 – ein Schritt, den die meisten jungen Intellektuellen Ghanas frenetisch, fast schon höhnisch feiern, der von den älteren jedoch mit kritischer, teils fast furchtvoller Mine aufgenommen wird.

J. J. Rawlings

In zweierlei Hinsicht verläuft ein Riss durch die ghanaische Gesellschaft. Es ist einerseits der Riss zwischen einer aufsteigenden wirtschaftlichen Elite, die sich der sozioökonomischen Logik des Westens und seinem Lebensstil bis tief in kulturelle Bereiche angepasst hat, und einer intellektuellen Elite, die den Ausverkauf Ghanas durch den Westen anprangert, einen verstärkten Schutz der Binnenwirtschaft fordert und planwirtschaftliche Wirtschaftselemente befürwortet, die ihrer Meinung nach an die „ursozialistische Tradition“ der afrikanischen Lebensweise anknüpfen könnten. Es ist andererseits ein Riss zwischen einer älteren Generation, die die Militärherrschaft unter J. J. Rawlings, Gründer der NDC, mit den (im afrikanischen Vergleich recht milden) Einschränkungen der bürgerlichen Freiheitsrechte miterlebt hat und den aktuellen Wechsel zur alten Herrschaftspartei, in der J. J. Rawlings noch immer die Fäden ziehen soll, fürchten, und einer jüngeren Generation, die der Regierung der NPP vorwirft, durch ihre Politik „der Ausbeutung Ghanas durch den Westen Tür und Tor geöffnet“ und eine Politik der Selbstbereicherung und Augenwischerei betrieben zu haben, auf die mit dem Machtwechsel zur NDC ihrer Meinung nach nun eine Zeit sozialen Ausgleichs folgen sollte.

Eindrücke aus Accra

Gewitterstimmung über Kwahinkrom

In der Tat sollte Ghana alles daran setzen, den gefährlich klaffenden Graben zwischen einer aufstrebenden wirtschaftlichen Elite, die in großen, 16°C-klimatisierten Geländewägen zwischen den vier großen Wirtschaftszentren Accra, Kumasi, Tema und Takoradi hin- und herpendelt, einen westlichen Lebensstil führt und ihre ökonomische Macht skrupellos zur Schau stellt, und einer traditionellen Bevölkerung, die Tag ein Tag aus Farmarbeit betreibt und mancherorts innerhalb eines Dorfes Subsistenzwirtschaft ohne Schulbildung oder Anbindung an die Außenwelt betreibt, zu schließen. Schon jetzt fällt mir nichts Treffenderes ein, als Ghana angesichts dieser sozioökonomischen Situation als ein Land der Parallelwelten zu beschreiben. Und während in der Hauptstadt eines Landes, in dem Diebstahl der völlige Ausschluss aus der allein Schutz spendenden Sozialgemeinschaft bedeutet, die Kriminalitätsrate explodiert, eine Bildungselite nicht ganz unähnlich dem „Brain-Drain“ zur Zeiten der DDR in die Wirtschaftszentren des Westens auswandert (und dort händeringend willkommen geheißen wird) und Jugendliche in den ländlichen Regionen aus Perspektivlosigkeit dem Alkoholismus verfallen, wird es höchste Zeit, auf die akuten Fragen dieses Landes, im gefährlich zerreißenden, unkontrolliert- dynamischen Schwebezustand zwischen Tradition und Moderne Antworten zu geben und die die Politik der mitunter kleptokratisch agierenden großen Parteiapparate einer ehrlichen Kritik zu unterziehen.

Wahlkampfplakat der NPP

Dazu einige Beispiele: Die größten Errungenschaften der beiden Legislaturperioden der NPP sind nach eigener Auskunft die Krankenversicherung, durch Beitragsstaffelung für (fast) jeden Ghanaer und jede Ghanaerin zugänglich, und die Abschaffung der Schulgebühren. Doch Kritiker werfen der NPP vor, im gleichen Zug die Bereitstellung der Lernmittel durch die Schulen abgeschafft zu haben und durch die Steuereinnahmen beim Verkauf der Lehrbücher größere Einnahmen zu machen, als die vorige Regierung durch die niedrigen Schulgebühren. Die Krankenversicherung deckt nur eine bestimmte Anzahl von Medikamenten ab, die in der Regel nicht zur Verfügung stehen. So müssen teure Alternativen gekauft werden, die den Leuten trotz Krankenversicherung das meist wenige Geld aus der Tasche ziehen. Auch hier sei in ihren Augen eine klangvolle Sozialmaßnahme zur Worthülse geworden. Der Kunstlehrer bei Baobab, Adjei, berichtete in diesem Zusammenhang, dass die Miete für seine Galerie in Accra in den letzten acht Jahren um das Zehnfache angestiegen sei, weil Subventionen und staatliche Förderungsmaßnahmen unter der NPP nach und nach abgebaut wurden und Räume in Accra, dem Zentrum einer Region im wirtschaftlichen Boom, von vielen Seiten heiß begehrt sind.

Ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung in den letzten zehn Jahren hat das Land erfasst. Wie dieser die breite Bevölkerung erreicht hat und erreichen wird, steht auf einem anderen Blatt. Die größte Sorge der meisten Eltern ist die Frage, wie sie die Schulgebühren für eine Privatschule auftreiben können, ohne die ihre Zöglinge keine Aussicht darauf haben, auf den rasanten Zug dieses Aufschwungs aufzuspringen. Denn bis zur Spitze in Ghana gibt es kaum den romantischen, für jeden gangbaren Weg vom Tellerwäscher zum Millionär. Bildung hängt hier nicht nur von unterschiedlicher Sozialisation sondern wegen nackter finanzieller Tatsachen von der Herkunft und dem Wohlstand der Eltern sowie ihrer sozialen Kontakte ab. In keiner Gesellschaft ist der Weg nach oben einfach. Aber in Ghana ist er unberechenbar, steinig und oft mit demütigender Arschkriecherei verbunden, die von der schon fest im Sessel sitzenden Elite genüsslich beäugt, genossen und von jeder Generation zur Kompensation der eigenen Schikanen und Demütigungen wiederholt wird.

Gerade wegen dieser Risse – zwischen der alten, liberalen und der jungen, sozialdemokratischen Generation der Bildungselite, zwischen wirtschaftlichen Aufsteigern und traditionsverbundenen Intellektuellen, zwischen kleptokratischer Parteielite, selbständigem Mittelstand der Städte und einfachsten Farmarbeitern der Peripherien – droht dieses Land zwischen wirtschaftlichem Aufschwung und Ausbeutung durch den Westen zu zerreißen und sich selbst zu entfremden angesichts so verschiedener Dynamiken, die in verschiedene entgegengesetzte und widersprüchliche Richtungen wirken und entzweien.

Am Abend des zweiten Wahlganges, als sich mehrere hundert Menschen in gedämpft-erwartungsvoller Stimmung in maßvollem Abstand um die Wahlurnen gruppieren und das Ergebnis der Wahl für ihre Kleinstadt erwarten, treffe ich Sami, einen der beiden Farmarbeiter bei Baobab. Sami ist Mitte 40, lebt in Kwahinkrom, einem kleinen, einfachen Dorf hinter Kissi, hat drei Kinder, die zur staatlichen Schule gehen, und betreibt neben seiner Arbeit bei Baobab eine kleine Farm in unmittelbarer Nähe seines bescheidenen Hauses mit zwei Zimmern und einem Wellblechdach. Sein Englisch ist genuschelt, aber durchaus gewandt und vielfältig, in seinem Blick liegt eine drollige Mischung aus Tiefsinnigkeit und Tollpatschigkeit, Reflexion, Klarheit und Unsicherheit. Von den Schülern bei Baobab wird er liebevoll „Uncle Boudie“ genannt. Seit einer Woche besitzt Sami ein Nokia-Handy. Es ist nicht das neueste, aber es ist auch nicht das schlechteste – robust, handlich und zuverlässig. Gekostet hat es ihn 45 GHC (ca. 30 Euro), was ungefähr dem Monatsgehalt eines hiesigen Lehrers an einer staatlichen Schule entspricht. Sein Monatsgehalt bei Baobab wird wohl auch in diesem Bereich liegen. Als wir ins Gespräch kommen, berichtet er, dass ihm seine Neuanschaffung auf die Dauer zu teuer ist. Denn um telefonieren zu können, muss zunächst das Guthaben aufgeladen werden. Das nagt unangenehm an seinem Einkommen. Für uns scheint das Handy eine klare Fehlinvestition gewesen zu sein. Aber Sami freut sich, zumindest kann er Bekannte anklingeln (einmal klingeln lassen, um dann wieder auflegen, sodass der Name des Anrufenden auf dem Handydisplay des Angerufenen erscheint), ohne Geld zu verlieren.

In gewisser Weise unterliegt wohl auch er einem gesellschaftlichen Trend: der allerfassenden Glorifizierung westlicher Einflüsse und technischer Errungenschaften, die sich zu mächtigen Statussymbolen innerhalb der ghanaischen Gesellschaft entwickelt haben. Ohne praktischen Verwendungszweck für sein Handy scheint für uns diese Anschaffung unnütz, ja beinahe verantwortungslos, kurzsichtig. Was, so drängt sich uns die Frage auf, wenn er die 45 GHC dazu genutzt hätte, in seine kleine Farm zu investieren, sein Land zu vergrößern, neues Gemüse anzubauen? Auf lange Sicht wäre dies wohl für unsere Augen eine sinnvollere Investition gewesen, zumal Sami für sein Alter vorzusorgen hat und sicher finanzielle Engpässe zu meistern haben wird. Aber unterliegen wir bei dieser Beurteilung dem Ideal einer asketischen Lebensweise, bedacht auf vorausschauende Planung und langfristigen wirtschaftlichen Erfolg, der protestantischen Ethik, wie es Max Weber beschrieb? Vielleicht lebt Sami im Augenblick, frei von Wachstums- und Weiterentwicklungsdrang, bereit, den Moment auszukosten und die Sorgen des Morgen zu vergessen. Und vielleicht bedeutet ihm das Anklingeln, das für uns wohl zu den sinnlosesten Zeitverschwendungen gehört, sehr viel, geht es doch darum, sich in einer Gesellschaft mit schwachen oder gar nicht erst vorhandenen universalen sozialen Absicherungsmaßnahmen durch soziale Kontakte und Bindung abzusichern.

Hinter vielen Handlungen – das permanente Grüßen und Smalltalkmachen, das Pflegen von Bindungen zu Leuten ohne Sympathiebeziehung, das Anrufen, um einfach mal „Hallo“ zu sagen – verbirgt sich dieses Bedürfnis nach sozialer Absicherung, das wohl in allen menschlichen Gesellschaften eine treibende Kraft ist, aber sich durchaus unterschiedlich äußern kann. Um dies zu verstehen, habe ich länger als nötig gebraucht, beinahe sechs Monate. In Deutschland verfolgen die meisten Menschen einen universalistischen Ansatz. Soziale Absicherung geschieht durch allgemein verbindliche Normen, Gesetze und Regeln. Durch eine unabhängige, unbestechliche und möglichst objektiv urteilende Justiz und einen festgeschnürten Gesetzeskatalog, durch Sozial-, Kranken- und Altersversicherung mit genauen Bestimmungen, wann und wie wir sie beanspruchen dürfen, fühlen wir uns in fast allen Fällen gegen Willkür und sozialen Abstieg abgesichert. Wir versuchen, durch abstrakte, universalistische Konstrukte ein gerechtes gesellschaftliches Zusammenleben zu gestalten. Anders in Ghana, in einem Land, in dem die Einflusstiefe des Staates und überregionaler Institutionen seit jeher begrenzt war, in dem es kaum Sozialleistungen gibt, die Korruption wuchert und das Leben auf dem Land immer noch vorwiegend von der umgebenden Gemeinschaft und nicht von der Massengesellschaft geprägt ist. Hier herrscht der partikularistische Ansatz. Durch soziale Bindungen versucht sich ein/e jede/r, in einer etwaigen Notsituation gegen den völligen sozialen Absturz abfangen zu lassen. Gegenüber abstrakten, für alle geltenden Gesetze zählt hier das Individuelle, Besondere – das universalistische Bestreben, für jeden konkreten Einzelfall eine Lösung aufgrund abstrakter Bestimmung zu finden, wird eher misstrauisch belächelt. So erklärt es sich, dass zwischenmenschliche Beziehungen nicht alleine von Sympathie geprägt sind. Neben Aufstiegssehnsüchten, die wohl auch in Deutschland an die Stelle von Sympathie treten, sind es vor allem sympathiefreie oder neutrale Beziehungen, die die soziale Absicherung sicherstellen sollen.

Die Handyindustrie setzt auf die glanzvolle Auswirkung des westlichen Lifestyles.

Ganz sicher war aber nicht nur dieses Bestreben für Samis Entscheidung, ein Handy zu kaufen, ausschlaggebend. Es ist auch und vor allem die Glorifizierung der Technik, des Fortschritts, des Westens und seiner Produkte sowie die Anschaffung eines Statussymbols. Die irrationale Verklärung unseres Lebensstils und die Unterwerfung unter von uns längst hinterfragte Konsumgötzen, die uns im Herzen wehtun muss, vor allem einer Generation wie meiner, die in materieller Sicherheit aufwuchs und deren Wünsche und Ängste „postmaterialistisch“ geprägt sind, sind, nüchtern betrachtet, nur allzu verständlich. Betrachtet man die schrittweise, stetige Entwicklung von modernen technischen Errungenschaften in der westlichen Welt, begleitet durch eine immer breitere Einbindung der Bevölkerung im Sinne des Mottos „Wohlstand für alle!“, so erschließt sich einem zumindest ein Teilaspekt der hiesigen Glorifizierung westlicher Produkte. Es ist wohl vor allem die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung, das unvermittelte Hineinwirken fremder Einflüsse in eine noch weitgehend traditionell organisierte und strukturierte Gesellschaft, auf die das schlagartige und überschwemmende Erscheinen von für ungewöhnte Augen faszinierenden modernen Gegenständen eine unglaubliche Anziehungskraft ausüben musste. Wenn in Kissi ein funkelnagelneuer schwarzer VW Golf mit glänzenden Felgen und verchromtem Auspuff vor einem Hüttenverschlag steht, um den eine Großfamilie auf Holzkohle in riesigen, dunklen Töpfen das Essen an kleinen Feuerstellen unter freiem Himmel kocht, dann scheint nicht nur ein Kontrast sondern auch diese Ungleichzeitigkeit auf – die Ungleichzeitigkeit paralleler Welten, die wohl einen Großteil des für uns unverständlichen Reizes und unreflektierten Glanzes ausmacht, den die westlichen und chinesischen Produkte auf viele Ghanaer/innen ausüben.

Das traurige Resultat dieser Verklärung ist nicht nur ein unhinterfragtes Unterwerfen unter die Ideale des westlichen Lebensstils, um eine besonders materialistische, besitzorientierte Komponente auf Kosten des asketischen Wachstumsdenkens und der okzidentalen Berufsethik (ehrlicher Arzt statt hinterfuchsiger Hedgefondmanager) verbogen, sondern auch ein bedenkenloses Verwerfen der Wertschätzung der eigenen kulturellen Identität. Das Streben nach dem Westen, das Aufnehmen westlicher Werte unterdrückt und verdrängt die eigenen; der faszinierende Schein der westlichen Produkte lässt viele Ghanaer/innen das Vertrauen in ihre eigenen kulturellen Errungenschaften und Praktiken verlieren.

Doch es ist auch keine völlige Angleichung an ein westliches Leben. Was glorifiziert und zur Maxime erhoben wird, sind die westlichen Produkte und Errungenschaften. Doch auch das sind nur die glanzvollen Früchte eines Systems. Die Erfordernisse, Belastungen und Verzichte, die sich unsere Gesellschaft zur Erreichung dieses Lebensstandards freiwillig oder unfreiwillig, bewusst oder unbewusst, unterworfen unter historische Prozesse und Gesetzmäßigkeiten oder frei entscheidend, auferlegt hat, werden von vielen Ghanaer/innen nicht gesehen und sie wären wohl auch nicht bereit, sie zu tragen. Ghana ist kein sozialistisches Land. Aber es marktwirtschaftlich zu nennen, würde auch nur die halbe Wahrheit bedeuten. Was Kaufentscheidungen bestimmt, ist nicht das Denken im Preis-Leistungs-Verhältnis [1] sondern persönliche Bindungen, was die Dynamik einer klassischen Marktwirtschaft blockiert, ist das Fehlen einer rigorosen Konkurrenz, die alle auf der Strecke bleibenden hinabreißt, wenn sie sich nicht ihren Spielregeln anpassen, was die Entwicklung überregionaler Unternehmen hemmt, ist das Fehlen des aus dieser Konkurrenz entstehenden allerfassenden Drangs nach Effizienzsteigerung und Zentralisierung. Für uns scheint es daher, als würde sich die ghanaische Gesellschaft, und trotz ihrer Heterogenität kann man dies recht pauschal formulieren, verlieren zwischen eigener und fremder Kultur. Denn auch wenn die Errungenschaften des Westens in den Augen der Ghanaer ihre eigenen kulturellen Erzeugnisse in den Schatten treten lassen, sie sind wohl in vieler Hinsicht stärker von ihrer Kultur geprägt, als ihnen angesichts dieser Verklärung lieb ist.

In viele gesellschaftliche Bereiche, auch in diejenigen des modernen Staates, reichen traditionelle Auffassungen und Strukturen hinein, die nach meinem Eindruck in Westeuropa und Nordamerika im Zuge der Entstehung des Kapitalismus aus Gründen der Effizienzsteigerung mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt wurden und an Bedeutung verloren – vor allem ein starker Dogmatismusund eine äußerst vertikal-hierarchische Organisation der Gesellschaft auf der Grundlage von Alter, Geschlecht und Herkunft. Während in westlichen Gesellschaften Alter, Geschlecht und Herkunft vor dem Kriterium der Kompetenz, des Wissens oder der Eignung bzw., um es kritisch zu formulieren, vor dem Kriterium, wer sich am besten ausbeuten lässt, zurücktreten, sind in Ghana die obigen traditionellen Kriterien noch immer meist primär wirksam. Die Alterspyramide verläuft steil und teilweise scheint es, als hätte man es mit zwei verschiedenen Menschen zu tun, wenn man ein und denselben in verschiedenen Situationen erlebt. Kommandiert mein Gastbruder seine jüngeren Geschwister herum, so erhält seine Stimme einen tiefen, bestimmend-tyrannischen Ton, oft stößt er scharfe Geräusche aus, die die jüngeren einschüchtern. Doch von einer Sekunde auf die andere kann er sich in einen demutsvoll gebeugten Dackel verwandeln, der stillschweigend und ohne jegliche Keiferei seine Pflichten erfüllt. Das Argument „Ich bin älter als du, also befolge, was ich dir sage, denn ich bin im Recht“, das für uns jeglicher logischer Grundlage entbehrt, wird hier weitgehend unhinterfragt akzeptiert.

Unser Freund Sami, beispielsweise, wog vor ein paar Wochen Pilze aus einem großen Pott einzeln in kleinen, gewichtslosen Plastiktüten und addierte die Gesamtsumme, anstatt den Pott mit Pilzen zu wiegen und das Gewicht des leeren anschließend abzuziehen. Über die einfachere Alternative war er sich wohl bewusst, doch auf die Frage, wieso er derart aufwendig und zeitraubend verfahre, antwortete er plump, Alhaji, unser Projektmanager, habe es ihm so aufgetragen.

Ob es uns zusteht, über diese hierarchische gesellschaftliche Organisation zu urteilen, ist sicher keine leichte Frage. Ich will mich trotzdem nicht enthalten. Für mich hat sie positive und viele negative Aspekte. Grundsätzlich blockiert sie demokratische Entscheidungen und lässt viele Systeme auf der Mikroebene verkrusten und erstarren, da neue, frische Ansätze kaum gehört bzw. aufgegriffen werden, oftmals gar nicht erst erdacht werden. So werden Veränderung, Umwälzung, Fortschritt, Wandel und Innovation gehemmt. Andererseits beinhaltet diese hierarchische Organisation auch ein auf zeitlich gedehnte Sicht egalitäres Element und die Autorität der Oberen ist durchaus auf ihre Weise begründet. Denn letztlich durchlaufen alle Mitglieder der Gesellschaft die Entwicklung von oben nach unten und jede/r kennt die Aufgaben derjenigen, die neu in die Gesellschaft hinzustoßen aus persönlicher Erfahrung.

Kinder vor der Auslieferungszentrale von Coca Cola in Cape Coast

Die Frage für diese Gesellschaft auf dem Scheideweg zwischen eigener und fremder, traditioneller und westlicher Kultur in ihrer recht eigenen Synthesen ist vor allem die ihrer Perspektive. Was sind ihre Ziele und welche Rolle kommt dabei der Entwicklungszusammenarbeit zu? Ist es eine weitgehende Angleichung an ein westliches Gesellschaftsmodell? Ist es Hilfe zur Selbsthilfe, zur Befreiung aus der Schuldenfalle? Oder kann innerhalb eines Rahmens, der kulturelle Eigenheit bewahrt, ein angenehmeres Leben für die Mehrheit der ghanaischen Bevölkerung geschaffen werden? Was ist ein angenehmes Leben? Gibt es dafür so etwas wie allgemeine Kriterien oder verschwindet alles im Strudel der Relativität von Kultur und Sozialisation? Sind es überwiegend externe (weltwirtschaftliche) oder interne (kulturelle) Faktoren, die die Armut des Landes ausmachen? Und ist es überhaupt gerechtfertigt, von Armut zu sprechen, oder legen wir ungerechtfertigterweise unseren Maßstab an, während die Menschen hier ihre Situation nicht als Armut oder Elend begreifen? Haben wir das Recht, uns überhaupt ein Bild zu machen, wie das Leben der Menschen des Trikonts gestaltet werden sollte, notwendigerweise gefangen in dem beschränkten Horizont unserer Kultur und Sozialisation, und die Erreichung dieser Gestaltungsvorstellung als Ziel der Entwicklungszusammenarbeit auszugeben? Ist es nicht vielmehr unsere Pflicht, alle äußeren – wirtschaftlichen wie kulturellen – inflüsse zu beschränken, aufzuheben und infolgedessen die Entwicklungsländer ihrem eigenen Schicksal und ihrer eigenen Selbstbestimmung zu überlassen? Oder sind wir aufgrund des Kolonialismus und der aktuellen wirtschaftlichen Abhängigkeit in derunablösbaren Pflicht, Entwicklungszusammenarbeit zu betreiben, obwohl die Schäden irreparabel sind, Entwicklungszusammenarbeit immer auch Einflussnahme bedeutet und das Ergebnis nicht die Wiederherstellung des alten Zustands sein kann? Können sich westliche und afrikanische Kultur ergänzen oder schließen sie sich wechselseitig aus? Profitieren oder verlieren sie durch die aktuelle Vermischung? Ist das menschliche Leben auf Fortentwicklung und Aufwärtsstreben zu immer neuen Zielen ausgelegt? Oder sind wir in der Angst vor einem ziellosen Leben Sklaven unserer Zeit und westlichen Kultur, die die afrikanische Fähigkeit, im Moment zu verweilen, verloren und den Fortschritt zu Fetisch erhoben haben?

Bedeutungsloses Bild zur Lückenfüllung

Für meine restlichen 41⁄2 Monate habe ich mir ein ganzes Bündel an Fragen, wahrscheinlich noch viel mehr, als eben angerissen, aufgegeben. Wahrscheinlich kann ich nur einen kleinen Teil von ihnen und wenn überhaupt auch nur ansatzweise beantworten. Gespannt bin ich auch, auf welche Reaktion ich mit meinen hier gewonnen Erfahrungen und Gedanken, vor denen ich vor meiner Abreise wahrscheinlich noch zurückgeschreckt wäre, in Deutschland stoßen werde. Wichtig ist es mir, am Ende noch einmal zu betonen, dass das meiste, was ich in diesem Bericht von mir gegeben habe, Halbwahrheiten sind, basierend auf flüchtigen, subjektiven Eindrücken und aufgeschnappten Erzählungen, verarbeitet in unsicheren Interpretationen. Mir ist die Verantwortung, die ich mit meinem Urteil und allein schon mit der Auswahl bestimmter Eindrücke über eine fremde Kultur auf mich nehme, wohl bewusst und mir ist es deshalb umso wichtiger zu sagen, dass ich hier in Ghana auf viele andere europäische und amerikanische Freiwillige und Reisende mit ähnlichem Sozialisationshintergrund treffe, die sich im Laufe ihres Aufenthalts ganz andere Auffassungen und Interpretationsansätze angeeignet haben. Mein Bericht ist also nicht mehr als ein subjektiver, ausschnitthafter Eindruck von einem fremden Land, von dem ich selbst nach sechs Monaten nur wenig verstanden habe, und nicht ein Gesellschaftsporträt mit dem Anspruch auf allgemeine Gültigkeit. Glücklich, diesen Bericht in Windeseile noch vor meiner Abreise fertig gestellt zu haben, möchte ich allen, die bis zum Ende meines vielleicht etwas zu zäh und theoretisch geratenen Berichts einen schönen Frühlingsbeginn wünschen. Aber glaubt nicht, dass ich euch um die warmen Temperaturen beneide, vielmehr würde ich an eurer Stelle den kälteren nachtrauern.

Es lebe die Befreiung vom Schweiß!

Viele Grüße,

Etienne.

 

Fußnoten

[1] Hierzu eine kleine Anekdote, die ich dem einen und der anderen schon erzählt habe: Im November fuhr ich mit einem besonders liebenswürdigen Schüler von Baobab, Isaac, am Wochenende zu seiner Familie. Dort gab ihm seine Mutter 1 GHC, um das Guthaben für sein Handy aufzuladen. Nach dem Besuch streunten wir noch ein wenig in seiner Heimatstadt Elmina umher. Nach zwei Stunden setzten wir uns, und Isaac schien nichts Besseres im Sinn zu haben, als seine Mutter anzurufen, mir nach kurzem Gespräch das Handy zu geben und es wenig später mit der Begründung, seine Mutter verstehe kaum Englisch, wieder zurückzufordern. Seine Mutter hatte mich also nicht verstanden und das Guthaben war vertelefoniert. Aber Isaac schien glücklich.